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Nordfront-Kurdistan-Türkei
Rede von Ercan Ayboga für die Demo am 15.3.03
Liebe FreundInnen und DarmstädterInnen,
im Rahmen des anstehenden Krieges im Irak sollten wir auch ein besonderes
Augenmerk auf die von den USA anvisierte Nord-Front und die Türkei
richten.
Die USA und ihre Verbündeten möchten den Irak auch vom Norden aus
angreifen, um so den Krieg schneller zum Erfolg führen zu können.
Ein entsprechender Antrag wurde vom türkischen Parlament vor zwei Wochen
überraschenderweise knapp abgelehnt. Die türkische Regierung hatte
zuvor zugestimmt.
Jetzt soll aber ein neuer Antrag vom neuen türkischen
Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan ins Parlament eingebracht werden, nach
dem sich das türkische Militär nun auch offen dafür
ausgesprochen und der politische Druck aus den USA zugenommen hat. So oder so
muss das Parlament zustimmen lautet die Devise. Ungeachtet der Ablehnung geht
der Aufmarsch der US-Armee voran. Tausende US-Soldaten befinden sich schon in
Süd-Kurdistan (Nord-Irak). Diese Verlegung zeigt, wie viel der USA und
dem türkischen Staat an Demokratie und Rechtstaat liegt.
Der türkische Staat hat vielseitiges Interesse an einer Zustimmung
für die Verlegung von US-Truppen über die Türkei und an einer
aktiven Selbstbeteiligung an der militärischen Invasion im Irak. Und die
sind nicht friedensfördernd. Die offiziellen Gründe sind zum einen
die in einem Abkommen zugesicherten vielen Milliarden Dollar, mit denen sie
ihre finanziellen Schäden, die in einem Krieg auf jeden Fall kommen
werden, abdecken möchte. Sie steckt weiterhin seit zwei Jahren in einer
schweren Wirtschaftskrise, die sie nur mit Weltbankkrediten überstehen
konnte. Und die sind ohne die USA nicht zu bekommen. Zum anderen geht es um
den selbst erklärten Schutz der Turkmenen, die jedoch zumeist ein
Eingreifen der Türkei nicht befürworten. Die Turkmenen benutzt die
Türkei unter anderem für ihre Pläne, Einfluss auf die im Norden
Iraks liegenden Erdölregionen um Kirkuk und Mossul zu bekommen.
Die Türkei möchte ihre Interessen wahren und mit einmarschieren,
worin die USA kein Problem sehen. Für die USA wäre es vielmehr eine
Entlastung. Wir sollten nicht vergessen: Die Türkei ist für die USA
seit vielen Jahrzehnten ein verlässlicher strategischer Partner. Allen
voran geht es der Türkei beim Miteinmarsch um die Kurden und Kurdinnen.
Im Grunde möchte der türkische Staat den Status Quo für die
KurdInnen und die Region beibehalten. Bloß keine Rechte für
KurdInnen! Denn die Türkei und alle anderen Staaten der Region haben
keine Lösungen für die dringenden Probleme der Region. Allen ist ein
erzreaktionärer Charakter zueigen. In den meisten Teilen
Süd-Kurdistans (außer in der erdölreichen Stadt Kirkuk) haben
die KurdInnen nach dem Golfkrieg 1991 eine Selbstverwaltung aufgebaut, die von
der UNO zur Schutzzone erklärt wurde. Diese Schutzzone und viele Jahre
des Aufbaus wären bei einem Einmarsch zerschlagen.
Weiterhin: Soweit wie möglich sollen alle kurdischen Organisationen
zerschlagen werden. Dazu zählt auch vor allem die KADEK (früher
PKK), die ihre Guerilleros vor knapp 4 Jahren hier nach Süd-Kurdistan
gezogen hat, um in der Türkei einen Friedensprozess in Gang setzen zu
können. Mit einem Krieg wären allerdings die wenigen, in den letzten
vier Jahren erzielten Fortschritte in der Türkei mit diesem Krieg
wettgemacht.
Gleichzeitig befindet sich Abdullah Öcalan, Vorsitzender der KADEK, seit
vielen Monaten in einer Isolation. Der wöchentliche Besuch von
Anwälten wird verwehrt, was die politische Lage in der Türkei und in
Kurdistan insgesamt sehr anspannt. Proteste der KurdInnen wachsen an.
Auch die demokratisch-linke türkische Opposition beginnt, sich
verstärkter gegen den Krieg, die Isolation und Repression sich zu wehren.
Sie konnte so am Tag der Abstimmung im Parlament vor 2 Wochen in Ankara knapp
100.000 Menschen auf den Straßen sammeln.
Wir fragen: Wenn die USA Demokratie in den Irak bringen möchten, was
sucht dann die türkische Armee in Süd-Kurdistan? Knapp 200.000
türkische Soldaten sind an der Grenze zusammengezogen, 20.000 davon sind
schon in Süd-Kurdistan. Diese Macht von Gnaden Amerikas kennt die ganze
Welt nur zu genau. Sie hat in Nord-Kurdistan in einem 15-jährigen Krieg
4000 Dörfer zerstört, 3,5 Mill. Menschen vertrieben, zehntausende
Menschen umgebracht. Täglich wird nach wie vor gegen die kurdische
Bevölkerung und jedwede Opposition Staatsterror ausgeübt.
Allein dieser Umstand läßt unsere Kritik bestätigen. Den USA
geht es um Öl, Rohstoffsicherung, Neuordnung des Nahen Ostens,
geostrategische Interessen, Schaffung neuer Märkte, Erhaltung der
militärischen Vorherrschaft in der Welt. Es geht um die endgültige
Legitimierung von präventiven Angriffskriegen und noch vieles weitere
mehr. Wo waren die USA und die anderen westlichen Staaten (darunter auch
besonders die BRD), als das irakische Regime 1988 etwa 10.000 Menschen in
Halabja mit Giftgas ermordete? Wo waren sie, als dieses Regime nach dem
Golfkrieg 1988 etwa 180.00 Kurden verschleppte und ermordete? Warum hielten
sie sich zurück, als nach dem Golfkrieg von beim Volksaufstand wieder
zehntausende und hunderttausende Schiiten und Kurden abgeschlachtet wurden?
Wir stellen aber fest: Die USA halten trotz Isolierung in der Weltpolitik
(wie zuletzt im UNO-Sicherheitsrat) an ihrem Ziel einer Neuordnung des
Mittleren Ostens fest. Dies können sie nicht einfach durchführen
ohne die Kurden in allen vier Staaten Türkei, Irak, Iran und Syrien zu
berücksichtigen. Fatal wäre es, das kurdische Problem könne
ausschließlich auf die kurdischen Autonomiegebiete in Süd-Kurdistan
begrenzt werden. Die Lösung der kurdischen Frage wird aber nur im
Gesamtzusammenhang einer Demokratisierung der erzreaktionären Regime im
Mittleren Osten realistisch. Davon wären in direkter Weise die
Türkei, der Irak, Iran und Syrien betroffen. Ein erneutes Aufflammen des
Krieges in der Türkei jedoch würde dies auf Jahre hinweg
unmöglich machen.
Die Lage in Süd-Kurdistan ist in diesen Wochen sehr kompliziert und
spitzt sich zu. Südlich von Süd-Kurdistan stehen irakische Truppen
zusammen mit iranischen Oppositionellen der Volksmuhadscheddin, im Osten
befinden sich iranische Truppen zusammen mit irakisch-schiitischen
Oppositionellen, im Westen sind weniger bedeutende syrische Soldaten und im
Norden sind sehr viele türkische und auch immer mehr werdende
US-amerikanische Truppen. In Süd-Kurdistan selbst sind neben den
süd-kurdischen Kämpfern und den Guerilleros der KADEK auch schon
türkisches und US-amerikanisches Militär präsent. Alle diesen
Armeen und Kämpfer befinden sich dicht nebeneinander. Wenn der Krieg
anfängt, werden sich fast alle diese Truppen in Bewegung setzen. Was
daraus wird, ist schlecht abzuschätzen.
Während die USA einen Diktator beseitigt, schafft sie weitere Konflikte,
die weitere Brandfeuer in der Region legen könnten.
Wir sind für die Beseitigung der diktatorischen und faschistoiden
Staaten im Nahen Osten, aber nicht durch die USA oder den Westen. Diese
interessieren in keinster Weise die wahren Probleme dieser Region. So sind sie
dafür erheblich mitverantwortlich, dass die KurdInnen geleugnet und
assimiliert werden und Kurdistan heute eine internationale Kolonie ist. Wir
sollten den Kampf der vielen Menschen um Freiheit und Demokratie und ihre
fortschrittlichen Organisationen unterstützen.
Die Perspektive kann nur folgendermaßen lauten: Demokratisierung der
Gesellschaften des Nahen Ostens aus ihrer eigenen Dynamik heraus. Das wird
alle diktatorische Regime beseitigen, die kurdische Frage lösen, der
Präsenz von US-amerikanischen oder anderen Soldaten ein Ende setzen, die
Rohstoffe gerechter verteilen und zuletzt Kriege verhindern.
Solidarität mit dem kurdischen Freiheitskampf!
Solidarität mit den fortschrittlichen Kräften im Nahen Osten!
Türkische Armee ganz raus aus Kurdistan!
Kein Krieg im Irak, in der Türkei und in Kurdistan!
Kurdistan Info- und Beratungszentrum
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